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stand #11-12
Privat Presse Berlin
Stromstrasse 38
10551 Berlin
0174-8072070
mail@furtwaengler-fm.com
exhibits shown at the trade fair
Tagebuch der Angst









über den menschen
kai uwe schierz
hrsg. von andreas strobl
privat presse
berlin
2026
dieses katalogbuch erscheint in einer einmaligen auflage von 15 exemplaren. nummeriert 1/15 bis 15/15 sowie 3 exemplare, bezeichnet ea.
halblederband, schwarze kartondecke mit farbigem schutzumschlag im palettenkrepp-schuber.
buchformat: 19 x 25 cm
kartonbox, bedruckt und bezogen mit palettenkrepp.
15 schwarzweißradierungen, lose beigelegt.
buchbinderische verarbeitung von christian klünder, berlin.
satz: bianca waldner
druck: neidhart web & druck, aichstetten
papier: gardamatt art, 130 g
schrift: book antiqua
Wer hat nicht schon einmal im Leben versucht, Tagebuch zu schreiben, Rechenschaft abzulegen über das Tagwerk, aber auch den eigenen Gefühlen und Gedanken eine Form zu geben? Schon das Konzept, dies wirklich Tag für Tag zu tun, ist kaum durchzuhalten und dies noch über längere Zeiträume zu schaffen, ist eher die Ausnahme. Ein guter Vorsatz bietet noch lange nicht die Sicherheit, dass er auch umgesetzt wird. Denn wie bedichtete Bert Brecht das menschliche Scheitern so treffend: »Ja, mach nur einen Plan! / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch’ nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht.«
Gerne macht man sich gute Vorsätze in jungen Jahren. Bei Felix Martin Furtwängler wurde aus jugendlicher Unbefangenheit jedoch künstlerische Konsequenz. Es waren die ersten Jahre einer freien künstlerischen Arbeit, die frühe Ausbildungszeit an der Akademie in Berlin, die er nach einigen Umwegen über das Studium angewandter Künste erreicht hatte. Da bot die Radierwerkstatt der Berliner Akademie die ideale Gelegenheit, einen aberwitzigen Plan zu machen. Der junge Künstler setzte sich 1978 das Ziel, jeden Tag auf ein Bild – sei es der Presse oder seiner Umgebung – mit einer eigenen Bilderfindung zu reagieren. Es wurden nicht nur 365, auf über 400 Blatt ist diese Bilderfolge angewachsen, die bezeichnenderweise nicht in Zeichnungen, sondern in der Technik der Radierung entstand. Die Druckgraphik wurde ohnehin ein wesentliches Metier dieses Künstlers und die Radierung bot die Möglichkeit Bilder zu schaffen, die nur in den Techniken des Tiefdrucks möglich sind – brüchige Linien, Risse, wie Verletzungen der Oberflächen, malerische Effekte bis ins tiefe Schwarz usw. Brutalität, Verzweiflung, Hoffnung und viele andere existentielle Gemütszustände sind in diese Bilder gepackt.
Man muss sich in Erinnerung rufen, dass es eine Zeit war, die unter dem Schlagwort der »bleiernen Jahre« in die Geschichte der BRD einging und die von vielen als bedrückend empfunden wurde nach den Jahren des Wirtschaftswunders mit ihrem Willen zu gedankenlosem Konsum. Der wurde nun als Einleitung des Untergangs erkannt oder empfunden und zugleich das geruhsame Dasein im Schatten eines „großen Bruders“ als ein Leben unter dem Damoklesschwert eines alles vernichtenden Atomkriegs verstanden. Da war keine Gemütlichkeit mehr, da war geistiger Widerstand angesagt – auch gegen die anschwellende mediale Bilderflut.
In der Abfolge der Bilder entwickelte sich eine Art von Erzählung. Sie läuft naturgemäß nicht linear ab und bietet keine abgeschlossene Geschichte. Vielmehr mäandert sie von Bild zu Bild und bekommt durch die konzeptuelle Vorgabe der täglichen Arbeit und des Verfahrens der Drucktechnik eine gemeinsame Klammer. Im Rückblick muss man aber sagen, dass dem jungen Künstler nicht nur ein Zeitdokument geglückt ist, sondern eine grundsätzliche künstlerische Antwort auf die oft quälenden Fragen des Menschseins. In der Re-vision diese Tagesbuchs für seine vorliegende Publikation trat zudem der Sprachkünstler Furtwängler an die Seite des jungen Mannes, einer, der den Leser ordentlich durchrüttelt, nachdem die Bilder ihn schon angegriffen haben. Man kann gespannt sein – und sich auf etwas gefasst machen.
Andreas Strobl
München, 2026
